Foto Lindy Annis

Lady Hamiltons Attitüden

 


Premiere: 8. Januar, 2004

HAU 3 Hebbel am Ufer, Berlin

 

70 Minuten in englischer und deutscher Sprache.

 

Konzept, Performance: Lindy Annis

Regieassistenz: Johannes Barner

Musikkomposition: Hans-Peter Kuhn

mit Musik von P. J. Harvey, Moonray Lounge

Bühne: Jessica Westhoven

Lichtdesign: Fred Pommerehn

Produktionsleitung: Kerstin Schroth

 

Text von: Emma Hamilton, William Hamilton, Wolfgang Goethe, Johannes Tischbein, Horatio Nelson, Lindy Annis

 


In "Lady Hamiltons Attitüden" beschäftigt sich die Amerikanische Performance-Künstlerin Lindy Annis mit dem Ursprung der Performancekunst: Lady Emma Hamiltons legendären Attitüden. Emma Hamilton, (um 1765-1815), die zweite Frau des britischen Gesandten in Neapel, Lord William Hamilton, und die Geliebte von Lord Horatio Nelson, war berühmt für ihre Schönheit und ihr mimisches Talent, das als "Lady Hamiltons Attitüden" in die Geschichte eingegangen ist. Als inspirierende Vorlage für ihre "lebenden Bilder" dienten ihr berühmte Motive aus antiker Kunst und Literatur.

 

Lady Hamiltons Darbietungen waren gesellschaftliche Ereignisse. Im Hause Lord Hamiltons traf sich Europas Adel und Hochfinanz. Der Besuch ihrer Vorstellungen galten unter Intellektuelle, bildende Künstler, Literaten und Musiker als Höhepunkt einer Pompeji- Vesuvreise. Vor der illustren Gästeschar wechselte die Dame des Hauses virtuos von einem Bild zum nächsten, gerade noch die nachdenklich hin gegossene Madonna, war sie wenige Augenblicke später schon eine ekstatisch aufgewühlte Bacchantin, Diana auf der Jagd oder ganz die strenge Venus. Die kunstvollen Übergänge von Bild zu Bild wurden mit besonderer Begeisterung und Spannung beschrieben.

 

In den Attitüden der Emma Hamilton spiegelt sich die ganze Palette der Ikonen und Überfrauen von der Megäre bis zur Heiligen. Bilder, die sich gedanklich fortsetzen lassen bis zu den Sekretärinnen, Hausfrauen und Femmes Fatales in Cindy Shermans Schwarz-Weiß-Fotografien "Untitled Film Stills". Lindy Annis nimmt die Spuren von Emma Hamilton auf und schlägt den Bogen zur Künstlerin von heute.

 

Lindy Annis beschäftigt sich in ihren Arbeiten mit der Ikonografie in Wort und Gestik und mit dem Bild der Frau als Selbstporträt, so in "Salome 7" oder "My Life as a Circus: Jackie Onassis". Ihr neues Stück besteht aus historischen und eigenen Texten und der Musik von Hans Peter Kuhn.

 

"Art imitates life imitates art imitates life imitates art imitates life."

 

Gefördert durch die Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Berlin, und den Fonds Darstellender Künste e.V. aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.



Presse zu Lady Hamiltons Attitüden


"Nach so langer Kunstliebhaberei, nach so langem Naturstudium den Gipfel aller Natur- und Kunstfreunde in einem schönen Mädchen gefunden."...

… "Man schaut was so viele tausend Künstler gerne geleistet hätten, hier ganz fertig in Bewegung und überraschender Abwechslung. Stehend, sitzend, liegend, ernst, traurig, ausschweifend, bußfertig, lockend, etc., eins folgt aufs andere und aus dem anderen. Sie weiß zu jedem Ausdruck die Falten des Schleiers zu wählen, zu wechseln. Der alte Hamilton findet in ihr alle Antiken, alle schönen Profile der sizilianischen Münzen, ja den Belvederschen Apoll selbst. So viel ist gewiß, der Spaß ist einzig! Wir haben ihn schon zwei Abende genossen. Heute früh malt sie Tischbein."

- Wolfgang Goethe, Die Italienische Reise, 1787

 


Auf ein neues Stück von Lindy Annis muss man oft lange warten. Und doch setzt sie in ihnen mit großer Kontinuität eine Recherche über die Sprachen des Körpers fort und über die Entwicklung dramatischer Gesten. Es gibt wohl niemand sonst in der Theaterwelt, der sich des verpönten Pathos mit solch minimalistischen und doch auch äußerst präzisen Mitteln annimmt. Sie verfolgt dabei nicht nur, wie viel Kultur und unbewusste Tradition in jedem Ausdruck stecken, sondern auch, was verloren gegangen ist.

- Katrin Bettina Müller, Taz: 10.1.04

 


…Am Tisch liest Annis zuerst nichts über die Hamilton, sondern von einer trivialen Männerphantasie der Gegenwart, "so this guy walks into a bar, right? and there´s this women", bis von Musik übertönt die nächste Erzähl-Sequenz einsetzt. Ganz die charmante Moderatorin führt sie wie in einer Lecture-Performance nun in das Leben der Lady Hamilton ein, um in einer weiteren Sequenz an einem Pappvulkan im Augsburger-Puppenkisten-Format die Psychogeografie des Vesuvs zu erläutern oder auf einem Podest, begleitet von Texten der Zeitgenossen von Alois Hirt bis Goethe, die Posen der Hamilton einzunehmen. Lindy Annis montiert ihre Mittel und Szenen so, dass die Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeiten ihrer Heldin erhalten bleiben und gegenwärtig werden.

Lindy Annis Mimesis an die Darbietung der Hamilton bleibt durch ihre neutrale Mimik und Kleidung gebrochen. Annis macht ein versiegtes Darstellungspotential sichtbar, indem die heute affektiert erscheinenden Gebärden, in Annis eigenes Darstellungsset eingebettet werden: Die Ankunft des Heroen Nelson illustriert sie naiv mit einem Papierboot, um die emotional hochgeladene Sterbeszene bei Trafalgar ohne falsches Pathos in der Geste des toten Marat von Jacques Louis David zu präsentieren. Schon 2002 hatte sie sich in Shorts in einer Encyclopedia of Tragic Attitude mit dem Tänzer Xavier Le Roy diesem Potential ironisch genähert. In Lady Hamilton´s Attitudes wird diese Recherche erweitert und ernst genommen. Die Fallhöhe, auf die sich Annis dabei einlässt, ist gewaltig und kann erst durch intelligente Montage vermieden werden: Die kindlich vorgeführte Katastrophe zeigte deutlich, dass die (emotionalen) Katastrophen letztlich in unseren Köpfen stattfinden, dass sie aber medial nur ausgelöst und gespeist werden können.

So baut Lindy Annis ein lakonisches Set von Texten, Musik und Bildern um die Gebärden der Lady Hamilton auf, die mehr als ihre Darbietungen, nämlich ihr Leben aufscheinen lassen. Wenn die Performerin Hamiltons Posen einer Helena, Madonna, Nymphe, Niobe nachstellt, schwingt so nun auch die Trauer darüber mit, was für ein Leben und was an (bürgerlicher) Gefühls- und Ausdruckskultur verloren ging.

- Freitag: Mai 04 - Max Glauner

 


Der Ausbruch des Vesuvs: Vor ein paar Tagen bemühte sich das Fernsehen, nach dem Sonntagskrimi, in einer Mischung aus Dokumentation und Fiktion von der "größten Naturkatastrophe aller Zeiten" zu erzählen, mit vielen Statisten, neuer Tricktechnik und wissenschaftlichen Berichten. Ein großer Aufwand, um nach dem Monumentalen zu greifen und der Darstellung Lebensechtheit zu verleihen: und doch knirschte jede Sequenz in plakativer Künstlichkeit.

In der Performance "Lady Hamiltons Attitüden" von Lindy Annis bricht der Vesuv ebenfalls aus: Ein kaum 50 Zentimeter hoher Modellberg aus dünner Gaze geklebt, von innen illuminiert, hinter dem die Performerin Sand hochwirft aus einem Plastikbecher. Keine Sekunde denkt man hier über die Unglaubwürdigkeit der Mittel nach, wenn sie mit bloßen Händen die Modelltannen von der Bergwand zupft und auf den Boden schleudert. Denn wie Lindy Annis Formen verkleinert, Bewegungen reduziert und Geschichten eindampft, ist eine Kunst von großer Präzision und Transparenz.

In der ständigen Untertreibung und der Lakonie liegt ein spezieller Witz der amerikanischen Künstlerin, die ihre Projekte seit 1985 in Berlin entwickelt. Wie sie zum Beispiel in ihrem wunderbar artikulierten Englisch von Lord Horatio Nelson erzählt, dem Liebhaber von Lady Hamilton und Held der englischen Seefahrt. "Battles come, battles go. There goes an eye, there goes an arm." Das ist Teil einer gerafften Erzählung, eingespielt aus dem Off, in der Lindy Annis auch ihre eigenen Recherchen zu Lady Hamilton streift, abschweift und von eigenen Liebesabenteuern zu See zu fantasieren beginnt, zu ihrer Heldin zurückkehrt und zu deren Interesse für die Ikonografie der Antike, Lord Hamiltons Ausgrabungen am Fuß des Vesuvs erwähnt, das Schicksal Nelsons abhakt und schließlich auf Lady Hamiltons Ende in Armut zu sprechen kommt.

Doch Sprache, Bilder und Gesten bilden in ihren Stücken stets unterschiedliche Ebenen der Erzählung, die sich nicht immer deckungsgleich entwickeln, sondern gegeneinander verschieben. Während der Text also so durch die Zeiten mäandert, vor- und zurückfließt, zwischen Biografischem und Historischem schwingt, kann man Lindy Annis die ganze Zeit in den "Attitüden der Lady Hamilton" beobachten, jenen berühmt gewordenen Nachstellungen von kunsthistorischen Vorbildern.

Da ist sie die Wassernymphe, die sitzend an einer Vase lehnt, da stellt sie Empfindsamkeit dar oder den Moment des Schreckens über eine empfangene Nachricht, da sehen wir sie als die Heroinnen der antiken Mythen, Cassandra, Niobe, Sybille oder als Maria Magdalena. Die Bilder zu den Posen hat Lindy Anis auf einem Tisch vor sich ausgebreitet. Sie sind vielfach beschrieben, auch von deutschen Reisenden wie Goethe oder dem Maler Tischbein, die sich diese Vorstellung von Lady Hamilton auf ihrer großen Bildungsreise durch Italien nicht entgehen lassen wollten. Ihre Nachahmung der Werke aus der Kunst galt als der Gipfel des Sensitiven. Die Begeisterung der Zeitgenossen, deren Zeugnisse Teil der Performance sind, galt vor allem der Echtheit des Gefühls, das sie von ihr den Posen der Kunst zurückgegeben sahen. Sie markiert eine Antikenrezeption, die dem Bürgertum ein Bild seiner eigenen inneren Größe gab.

Auf ein neues Stück von Lindy Annis muss man oft lange warten. Und doch setzt sie in ihnen mit großer Kontinuität eine Recherche über die Sprachen des Körpers fort und über die Entwicklung dramatischer Gesten. Es gibt wohl niemand sonst in der Theaterwelt, der sich des verpönten Pathos mit solch minimalistischen und doch auch äußerst präzisen Mitteln annimmt. Sie verfolgt dabei nicht nur, wie viel Kultur und unbewusste Tradition in jedem Ausdruck stecken, sondern auch, was verloren gegangen ist.

Völlig fremd ist uns heute die Kultivierung des Gefühls aus der Epoche der Klassik, das Hineinsteigern in die Innerlichkeit über die mimetische Nachahmung der äußeren Form. Bekannt kommen sie einem zwar alle vor, die Attitüden, die Lindy Annis wieder und wieder durchquert, ihre konkrete Lesart aber, wie sie die Zeitgenossen übten, erscheint dennoch vor allem als fantastisches Konstrukt. Nicht nur die Wahrnehmung und Erkenntnis steht in großer Abhängigkeit von dem, was man weiß, dem Bildungshorizont der eigenen Zeit, sondern auch was man fühlt und empfindet. Da die eigenen Grenzen zu erweitern, indem man sie bewusst markiert und ironisch zur Disposition stellt, ist eine der Stärken von Lindy Annis.

- Katrin Bettina Müller, Taz: 10.1.04 - Ein Vulkan im Plastikbecher




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